Tüp bis 1919

Wasserturm 1917Die militärische Geschichte des Truppenübungsplatzes Königsbrück

Die außerordentlich gute Verkehrslage läßt vermuten daß es in der Vergangenheit häufige Durchmärsche und Einquartierungen in der Stadt gegeben hat.

Ab 1812 liegen jedoch erst gesicherte Angaben vor. So zogen z.B. zwischen dem 13. und 17. August 1812 königlich-bayrische und königlich-napoleonische Truppen mit 4000 Mann und 1300 Pferden durch die Stadt, diese mußten verpflegt und untergebracht werden, bei 196 einquartierungsfähigen Häusern und ca. 1000 Einwohnern waren die finanziellen Belastungen der Bewohner sehr hoch.

Deutsches Kaiserreich 1871-1918

Gruesse 18941871 schlossen sich die süddeutschen Staaten mit den norddeutschen Bund zum deutschen Reich zusammen.
König Wilhelm I. von Preußen wurde deutscher Kaiser und Bismarck Reichskanzler.
Bismarck versuchte besonders durch eine konsequente Friedens- und Bündnispolitik dem Reich eine gesicherte Stellung in dem neuen europäischen Kräfteverhältnis zu verschaffen, doch den demokratischen Tendenzen stand er verständnislos gegenüber.
1888 starb Kaiser Wilhelm I.
Zwischen dem jungen Kaiser Wilhelm II. und Bismarck kam es in der Folgezeit ständig zu Reibereien so daß 1890 Bismarck entlassen wurde.
Schiessen 1902Unter Kaiser Wilhelm II. erfolgte der Übergang Deutschlands zur Weltpolitik und die Umwandlung zu einer modernen Industriegesellschaft.
Kaiser Wilhelm II verkörperte den Optimismus seiner Zeit, er war ein Verfechter deutscher Großmachtpolitik und wußte somit das Bürgertum hinter sich. Er dachte soldatisch, verhätschelte als oberster Kriegsherr seine Truppen und liebte das militärische Gepränge.
1890-1892 war Königsbrück kurzzeitige Garnison der 3. Kompanie des Trainbataillons (3 Offiziere, ca. 100 Unteroffiziere und Soldaten sowie 68 Dienstpferde), trotzdem fanden Einquartierung weiterer Truppenteile von April - September statt. Für die Ausbildung der Infanterie, besonders für die mit hoher Reichweite ausgerüsteten Waffen wurde es immer schwieriger geeignete Übungsplätze zu finden.
Die Gegend um Königsbrück war wenig besiedelt und damit ideal für einen neuen Schießplatz
Am 01.06.1892 beginnt der Bau eines Infanterie-Schießplatzes bei Glauschnitz (hinter der Waldschule) und des Barackenlagers Stenz.
Am 30 Juni 1893 werden beide zum ersten Mal benutzt
Prinz Georg Kaserne 19101892 plante man nach Königsbrück eine reitende Abteilung in ständige Garnison zu legen, sofern die Stadtgemeinde mit unentgeltlicher Überlassung des Bauplatzes für das zu erbauende Kasernement und den Exerzierplatz entgegenkomme.
Die Stadt ging auf diese Forderungen ein, so daß im September 1893 mit dem Bau der Kaserne an der Höckendorfer Straße begonnen werden konnte. Es folgte der Bau des Garnisonslazarett, des Wasserwerkes in der Aue und des Wasserturmes.

Das gute Einvernehmen zwischen Stadtverwaltung, Standesherr (Naumann) und Sächs. Kriegsministerium führte dazu daß Königsbrück 1893 im Oktober zur "Garnisonsstadt" ernannt wurde.
Lazarett 1905Am 02.04.1895 zieht die "Reitende Abteilung des 1. königlich-sächsischen Feld-Artillerie-Regiments Nr. 12" in die neu erbauten Kasernen am Bahnhof ein.

Für die Stadt brachte die Garnison und industrielle Verbesserungen einen wirtschaftlichen Aufschwung. Gaststätten und Geschäfte entstanden.
Die Bevölkerung vergrößerte sich sprunghaft (mit Garnison 3245 Einwohner).
Das Militär bestimmt das Stadtbild von Königsbrück.

Durch die zunehmende Militarisierung in Europa und Deutschland hielt es der Reichstag für notwendig, in Sachsen einen zweiten TÜP anzulegen (die Vergrößerung des Sächsischen Heeres, die Truppenbildung der verschiedenen Regimenter, sowie aus der Einführung neuer Waffen) der neue Schießplatz sollte eine entlastende Alternative zum schon bestehenden Dresdner TÜP bieten.
Bereits 1902 wurde über die Möglichkeit eines TÜP bei Königsbrück nachgedacht, das Projekt jedoch wieder fallengelassen

Krackau  Zietsch  Quosdorf
1905 waren über 30 Projekte im Gespräch, 4 kamen in die engere Wahl, die sich bei näherer Prüfung nicht durchsetzen konnten, da die Vorteile für das Gebiet nördlich von Königsbrück überwogen und die Bewohner der 3 Dörfer Quosdorf (63 Einwohner), Otterschütz (198 Einwohner) und Zietsch (116 Einwohner) sich 1906 freiwillig bereit erklärten ihr gesamtes Besitztum dem Reichsfiskus käuflich zu überlassen, genehmigte der Deutsche Reichstag am 18. März 1907 die Anlegung des Übungsplatzes nördlich von Königsbrück (4588 ha) und bewilligte die erste Baurate von 4 Millionen Reichsmark (geplante Gesamtkosten 11,8 Mio RM).
Gründe für die Wahl des Platzes:
- Bodenbeschaffenheit und Sicherheit,
- vorhandene Eisenbahnverbindung,
- Preis des zu erwartenden Geländes,
wobei darauf Bedacht zu nehmen war, daß möglichst wenige der Ernährung dienende Bodenflächen in den Platz aufgingen und daß bewohnte Gebäude nur bei unbedingter Notwendigkeit verlassen werden sollten, das große Waldgebiet nordwestlich von Königsbrück wurde schließlich als am geeignetsten für diese Voraussetzungen befunden.

Am 1. Mai 1906 wurde das Jubiläum des 100jährigen Bestehens der Reitenden Abteilung des königlich-sächsischen Feldartillerie-Regiments Nr. 12 festlich begangen
Die sächsische Armee besitzt Reitende Artillerie seit dem Ausgang des 19. Jh. Die Errichtung der ersten Batterie wurde durch den Kurfürsten Friedrich August III. befohlen. Die Formierung der Batterie erfolgte am 1. Mai 1806. Die reitende Artillerie verdankt ihr Entstehen dem Bedürfnis, der Kavallerie Geschütze beizugeben, um die Offensivkraft zu erhöhen und ihr die erforderliche Feuerkraft für die Verteidigung zu verschaffen. Die der Reitenden Artillerie hierbei zufallenden Aufgaben erfordern große Beweglichkeit der Geschütze und hohe Feuergewandtheit.
Neueslager 1910
Neues Lager 1917Im Bauentwurf vom Juni 1906 wurde der Bau des Neuen Lagers für 4 Jahre (von 1907-1910) konzipiert, es entstanden Massive-, Fachwerkbauten und Wellblechbaracken, Dienstgebäude der Garnisonsverwaltung, Geräteschuppen, die Garnisonswaschanstalt, Wirtschaftsbaracken und Ställe, die Offizierspeiseanstalt, Beschlagschmieden, das Wach- und Arrestgebäude mit der Post, Offiziers- und Mannschaftsbad, das Patronenhaus.
Für die Wasserversorgung wurde ein Wasserwerk in der Nähe der Grünmetzmühle gebaut, ebenfalls eine Kläranlage. Das gesamte Lager wurde mit elektrischer Beleuchtung und Telefon ausgestattet. (1907 Baubeginn Neues WellblechbarackenLager - 60 Gebäude,1909 - 6 Wellblechbaracken, 3 Wirtschaftsgebäude, 1 Badehaus, 1910 - 28 Wellblechbaracken für Mannschaften, 4 Wellblechbaracken für Pferde).
Auf dem Gelände des TÜP mußten alle wichtigen und benötigten artilleristischen und infanteristischen Einrichtungen aufgebaut werden. Die Belegungsfähigkeit in der Planungs- und Projektierungsphase wurde mit 5565 Mann und 1567 Pferden angegeben. Kommandant des TÜP wurde Oberstleutnant Stark (später Generalmajor).
Am 22.08.1906 fand eine geheime Vorführung der Fotorakete (eine Erfindung von Alfred Maul) vor Militärbehörden auf dem Schießplatz Glauschnitz statt.
In der Stadtgemeinderatssitzung vom 11. Oktober 1906 wird ein Dankesschreiben verlesen vom Königl. Kriegsministerium, gerichtet an den Bürgermeister Leßmann:
"Nachdem es Euer Hochwohlgeboren in langwierigen und teilweise... ein rasches Aufblühen Königsbrücks zu begünstigen."
Einmarsch-von-Truppen-in-Koenigsbrueck1908 Beginn des Übungsbetriebs
Am 8. März 1909 wurde vom Ministerium des Inneren die Bildung eines selbständigen Gutsbezirks mit dem Namen TÜP Königsbrück genehmigt.
Dieser wird gebildet aus den bisherigen Landgemeinden Otterschütz und Zietsch, sowie dem selbstständigen Gutsbezirk Infantrieschießplatz bei Königsbrück und den Rittergütern Steinborn und Schmorkau, ferner aus Teilen der früheren Landgemeinde Quosdorf, sowie aus den Flurstücken der selbständigen Gutsbezirke der Standesherrschaft Königsbrück und der Rittergüter Schwepnitz und Krakau mit Vorwerk Sella, den Gemeinden Steinborn, Weißbach usw.
InfantrieBesonders in den Sommermonaten wurden auf dem TÜP Schießübungen abgehalten. Neben dem Schießen wurde außerdem das Bataillons-, Regiments- und Brigadeexerzieren geübt, weiterhin das Schulschießen.
Die Belegungsfähigkeit des TÜP wurde 1913 mit 279 Offizieren, 7247 Unteroffizieren und Mannschaften und 1733 Pferden angegeben. In den Monaten April bis Juli waren zeitweise ca. 5000 Personen auf dem TÜP stationiert, da in dieser Zeit 4-5 Regimenter oder Regimentsteile von Infanterie, Kavallerie, Feldartillerie und Pioniere gleichzeitig übten, wobei das Exerzieren und das Schießen die Hauptaufgaben der Truppen waren.
Zeitgenössische Aussagen machen deutlich, wie geliebt und gehaßt der TÜP war:
"Eine großzügig angelegte Drillanstalt. Viele Tausend junger und alter Männer werden dort Tag für Tag abgerichtet... " (WZ 7.12.1918) oder "Es dürfte keinen zweiten TÜP geben, der mit technischen Neuheiten so ausgestattet ist, wie der in Königsbrück. Alle Änderungen in der Kriegführung und Waffentechnik werden hier auf ihre Auswirkung sorgfältig erprobt und die dabei gemachten Erfahrungen verwendet", oder "Es wird keine Formation unserer Truppen geben, die nicht schon hier übte." (WZ 19.5.1932)
1914 - Die Reitende Abteilung des Feldartillerie Regiments Nr. 12 wird am 3. Mobilmachungstag, dem 4. 8. 1914 in Königsbrück in Eisenbahnwaggons verladen und an die Westfront abtransportiert.
Im ersten Weltkrieg wurde das Neue Lager für russische, serbische, italienische, belgische und französische Kriegsgefangene (nur Mannschaften) eingerichtet. Diese wurden in Stallzelten, Geräteschuppen, Offizierspferdeställen, Mannschaftsbaracken und Zelten untergebracht (pro Mann 2,5 m²).
Um dem demoralisierenden Einfluß der Untätigkeit vorzubeugen, die nutzlose Ernährung durch den Staat zu verhindern und die Arbeitskraft in wirtschaftliche Werte umzusetzen, war es nötig, die Gefangenen arbeiten zu lassen.
So wurden beispielsweise innerhalb des Barackenlagers und der Stadt Königsbrück von den Gefangenen Straßen gebaut, die Gefangenen bekamen dafür 1-5 Pfennig Lohn am Tag.
Am 27.10. 1914 umfaßte das Gefangenenlager 14.535 Kriegsgefangene mit einem Bewachungskommando von 1800 Mann.
1916 waren ca. 15000 Mann untergebracht, ca. 3000 Serben im Serbenlager, ca. 4000 Franzosen im Franzosenlager, ca. 8000 Russen im Russenlager, später wurde auch ein Italienerlager eingerichtet.
Viele Kriegsgefangene wurden schwer verletzt nach Königsbrück gebracht und überlebten trotz Hilfe nicht, andere starben an den Unzulänglichkeiten der Haftbedingungen.
Insgesamt wurden 724 Kriegsgefangene auf einem Kriegsgefangenenfriedhof des Neues Lagers begraben. Dieser befand sich an der Schmorkauer Straße.
Die Gräber waren in Abteilungen nach Nationalitäten getrennt angelegt, in den Abteilungen der Russen, Franzosen, Italiener und Serben wurden Denkmäler errichtet.