Geschichte heimischen Flurnamen

Im September 2001 haben auf der Bohraer Straße Bauarbeiten zur neuen Abwasserleitung begonnen. Eine dadurch notwendige Umleitungsstrecke für den Verkehr hat den westlichsten Teil der Gemarkung Stenz für viele ins Blickfeld gerückt.
In den Gesprächen mit älteren Leuten über diese Flurstücke klingen gelegentlich noch die schönen alten Flurnamen an, die über Jahrhunderte selbstverständliche Umgangssprache und Bezeichnung waren.

Erst die Loslösung der letzten zwei Generationen von der früheren Landwirtschaft entläßt diese Flurnamen immer mehr aus dem Gedächtnis.
Ich möchte versuchen, bei einem Spaziergang durch Stenz die alten Bezeichnungen aufzuzählen.

Wir haben uns einen schönen sonnigen Herbsttag ausgesucht und wandern, vielleicht sogar mit einem leichten Spazierstock, den Schloßberg runter nach Stenz. Noch ehe wir die eigentliche Flurgrenze erreicht haben, begegnet uns schon der erste Begriff. „Die Stadtwiesen" - vor Stenz die Wiesen in der Pulsnitzaue auf Königsbrücker Flur. Diese Flurstücke links der Pulsnitz gehörten zur früheren „Meißschen Lehnsflur".

Gelegentlich begegnet uns in alten Grundbüchern noch die Bezeichnung „M.S." = Meißner Seite. Dieser Teil der Königsbrücker Flur hatte vor zweihundert Jahren noch eine selbständige Gerichtsbarkeit und das Haus von „Wasser-Kühns" war ursprünglich die „Gerichtsscheune". Leise fallen Blätter von den großen Bäumen vom gegenüberliegenden „Schloßgarten".

Nachdem wir die Stenzer Flurgrenze überschritten haben und die leicht abfallende Straße bis nach der ersten Biegung weitergegangen sind, biegen wir kurz rechts in einen Wiesenweg ein und laufen auf die „Pfarrwiese" bis hinter zur Pulsnitz. Verschwunden sind die alten Windungen des Flußbettes seit etwa 30 Jahren. Hier fließt das Wasser seitdem im geraden Lauf. Flurstücke, die wir am gegenüberliegenden Ufer sehen, gehören auch zur Stenzer Flur.

„In der Lambsbach" wurden diese Wiesen genannt. Alles, was sich in dem Gelände über den Wiesen erhebt, hat die allgemeine Bezeichnung „In den Bergen". Wieder zurück zur Dorfstraße gekommen, müssen wir feststellen, daß der Gasthof Stenz heute mehr existiert und so können wir gleich weitergehen.

Etwas später fallen uns rechts die mit Blumen bepflanzten Milchkannen auf der Milchbank ins Auge. Sie erinnern an die früheren Milcherzeuger.
Das „Spritzenhaus" daneben ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts als „Armenhaus" gebaut worden und war lange Zeit Herberge für mittellose Einwohner der Gemeinde Stenz.
Daher auch die frühere Bezeichnung „Gemeendehaus". Der Heimatverein hat das Häuschen wieder im Originalzustand als Geschichtszeugnis hergerichtet.

Wieder einige Schritte weiter führt rechts der „Winzersteig" über die Pulsnitz. Ursprünglich Zugang für die früher am Hang gelegenen Weinberge - heute leider bloß Schulweg genannt. Viele Flurstücke dieses nördlichen Hanges über der Pulsnitz sind vor 200 Jahren zum Weinbau genutzt worden.

Eine Vertiefung im Hang läßt heute noch die Stelle erkennen, wo früher der „Winzerborn" war. Heute allerdings tritt an dieser Stelle kein Wasser mehr aus dem Hang. Wir gehen wieder zur Dorfstraße zurück. Es gab in früherer Zeit in Stenz eine Wirtschaft, die in das Eigentum der Stadt Königsbrück gelangt war. Dort, wo heute EAB-Elektroanlagenbau seinen Sitz hat, war das „Stadtgut". Wir laufen weiter nach Westen. Mitten im Ort eine Wiese! „Die Brömmerwiese" oder „Bullenwiese". Ein äußerst ertragsreiches Wiesenstück, das früher demjenigen zustand, der den Gemeindebullen hatte.

„Bullenhaltergenossenschaft" steht im Grundbuch.

Der durch diese Wiese sich hinziehende Graben ist der Ablauf vom früheren „Gemeindeborn" auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Bei der Schule beginnt die Straße anzusteigen - „der Schulberg", rechts abzweigend der „Grünmetzweg". Noch wissen wir alle, daß er zur „Grünmetze" führte. Ehe er aber über die Pulsnitz führt, liegt links „Hirrichs Grund". Rechts vor der „Furtbrücke" die „Saupeitsche" und die „Zippelwiese". Flußabwärts gelegene Wiesen werden „Der Kessel" genannt. Unmittelbar nach der Brücke rechts die „Furtwiesen" und anschließend bis hoch zur Steinborner Straße der bewaldete „Furtberg". In der Umgangssprache der älteren Generation wurde „Furt" immer so ausgesprochen, als würde es mit Doppel-U geschrieben (Fuurtwiese, Fuurtberg...). Nach der Brücke begegnet uns das „Furthaus". In vergangenen Jahrhunderten eine Enklave der Königsbrücker Flur zur Bewachung der Pulsnitzdurchfahrt. Egal welchen Familiennamen die Bewohner in der Vergangenheit getragen haben, bei den Stenzern waren es immer „Furthauses". Rechts daran vorbei der „Steinborner Weg", links 100 Schritte auf dem Grünmetzweg weiter ist die „Börnchenwiese". Wenn auch nicht mehr sehr viel Wasser aus dem am Hang gelegenen Börnchen kommt, erkennen kann man es aber allemal noch.

Unmittelbar nach der Gärtnerei Geyer weitet sich das Gelände wieder links der Straße bis zur Pulsnitz. „Das Mühlfeld" oder „Die Mühlen" nannten die Besitzer früher ihre dort gelegenen Felder und Wiesenstücken.

Rechts gegenüber der „Offenstall" - staatlich verordnet nach russischem Muster Anfang der 60er Jahre gebaut als Stall für das Vieh der LPG Königsbrück. (Schon sehr bald nach Erbauung wurde der „Offenstall" ringsum verschlagen!)

Und nun sind wir schon bald an der ehemaligen Grünmetzmühle. Der Wasserfall erinnert uns an manche schöne Gondelfahrt bei Vater Schlereth, natürlich auch an die über 400jährige Geschichte der nun abgerissenen Mühle. Unterhalb der Mühle, zum Teil dort, wo heute der Fischteich ist, waren ehemals fruchtbare Wiesen, die zur Standesherrschaft gehörten - „Die Planie". Flußabwärts dann noch der letzte Zipfel der alten Stenzer Flur „Der Grundteich". Diese früheren Wiesen - herrlich gelegen in einem Talkessel kann man heute nicht mehr betreten. Das Gelände ist versumpft. Mitten im Grundteich beginnt die Gemarkung Steinborn. Der Grundteich, die Planie und dass angrenzende Waldstück bis zur Bohraer Straße sind schon im Krieg dem Truppenübungsplatz zugeordnet worden.

Gehen wir also über die „Mühlbrücke" - erbaut im Dreikaiserjahr 1888 - den „Grünmetzweg" weiter den sandigen Berg hinan. Aber halt!

Der Grünmetzweg von Stenz aus geht ja nur bis zur Mühle! Wir befinden uns nun schon auf dem zweiten „Grünmetzweg". Dieser kommt geradewegs von Glauschnitz bis zur Mühle. Aus Unkenntnis der Zusammenhänge her ist er fälschlicherweise von der Bohraer Straße bis zur Gemeindegrenze als Moselbruchweg bezeichnet worden. Wir wissen aber, wie er richtig heißt und laufen ihn deshalb unentwegt und froh weiter. Er kreuzt, wie schon gesagt, die Bohraer Straße und überquert bei Hönacks das „Moselwasser" - ein Wiesengraben, der sich rechts vom „Bohrschen Wege" (Bohraer Straße) durch's „Moorloch" oder die „grüne Delle" seinen Weg zum Pulsnitztal sucht.

Nach wenigen Schritten stehen wir an einer Kreuzung. Geradeaus geht es nach Glauschnitz - allerdings erst einmal durch den Staatswald, Lausnitzer Flur. Das letzte Flurstück, was dieser Weg in Stenzer Flur erreicht, ist das „Gemeendeholz" - Waldbesitz der ehemaligen Gemeinde Stenz. Rechts geht es durch den Wald wieder zu einem äußersten Zipfel der Flur in Richtung Bohra. Links führt der „Schenkweg", der ebenfalls aus Unkenntnis heraus „Waldstraße" genannt worden ist, zurück zur Ortsmitte. Das kleine Wiesenstück, das der Schenkweg hier durchquert, ist „Der Neue Teich" auch „Teichriß" genannt. Wir laufen aber den Schenkweg nicht ortseinwärts, sondern gehen entlang dem „Gemeendeholz", einer hatte hier früher ein Wiesenstück, jeder!

Die Bauern große Flächen, die Gärtner und Häusler nur ein schmales Handtuch. Wenn wir vom Moselbruch sprechen, müssen wir wissen, daß es nicht „der", sondern richtiger „Das Moselbruch" heißt. Es klingt mir noch in den Ohren, wenn ich als Kind gelegentlich bei jemandem hörte „wir müssen ins Moselbruch nach Futter".

Wir laufen an der Waldkante weiter, sehen eine große Wiesenfläche und doch sind es auch heute noch über 70 einzelne Flurstücke mit den verschiedenen Besitzern. Auch hier gibt es Wiesenstücke, die der „Bullenhaltergenossenschaft" gehören.

Am „Forsthaus" angekommen, biegen wir in die Straße ein. Hier kam früher das Moselwasser in einem Graben vom gegenüberliegenden Staatswald unter der Straße durchgeflossen. Heute ist der Graben an dieser Stelle ohne Wasser. „Teufelsbrücke" wird die Stelle genannt. Die Straße steigt etwas an und ehe sie eine Biegung nach rechts macht, stößt die „Schneise 21" bis zur Straße. Die Heide ist ja bekanntlich in Schneisen und Flügel eingeteilt, die „21" ist die allerletzte und somit nördlichste Schneise der Lausnitzer Heide.

In der Straßenbiegung zweigt links ein Weg zur Tischlerei Wendler ab. Als bei der Eingemeindung von Stenz kurz vor dem Krieg die Straßen Namen erhalten mußten, bekam dieser Weg den Namen „Mondweg" (es soll eine Ratssitzung gewesen sein, wo darüber beraten werden mußte, welche Namen vergeben wurden. Die Königsbrücker Stadträte fragten sich, wo ist denn eigentlich dieser Weg - einer soll gesagt haben „dort wo se den Mond mit der Stange runterholen" - deshalb wohl Mondweg!).

50 Meter weiter gehen wir von der Straße links ab durch die ehemalige Erdbeerplantage von Rudolfs und sind wieder auf dem Schenkweg, der heute Waldstraße genannt ist. Wir laufen ein Stück zum Moselbruch zu, biegen rechts in einen Querweg und sind, kurz vor der Bohraer Straße, im „Försterbruch". Rechts weiter, die Bohraer Straße vor, können wir ein kleines Holzhaus sehen, völlig vom Wildwuchs umgeben, erinnert es heute noch an die „Eichhörnchenschenke". Gleich daneben „der Moselgarten" auch hier wieder früher die Betonung in der Umgangssprache auf „a" - Moselgaarten. Das erst vor kurzer Zeit angebrachte Schild „An der Schwenke" erinnert uns auf der anderen Straßenseite daran, daß alle Wiesen am linken Pulsnitzufer zwischen „Hirrichs Grund" und der Grünmetzmühle „Die Schwenken" sind. Den Rest der Bohraer Straße laufen wir nun bis zum „Gockel". Dieses Vereinsheim steht auf dem früheren „Druschplatz". Zuvor schon zweigt rechts die „Sudetenstraße" ab. In den Jahren der DDR mußte dieser Name verschwinden und der Weg wurde Kiefernweg genannt. Gegen Süden trifft der Himmel am Horizont auf die Erde! Ein Blick gegen Mittag eröffnet dem Betrachter vom Gockel aus zu jeder Jahreszeit dieses schöne Bild. Dort wo sich Himmel und Erde treffen sind „Die Hufen". Jeder Bauer in Stenz hatte „Auf den Hufen" sein größtes Stück Acker. Der „Hufenweg" erinnert heute noch daran. Es gibt die „Pfarrhufe", die „Schenkhufe" und rechts vom Hufenweg die „Dreihufen".

Die Waldkante an den Dreihufen gehört schon zum letzten Zipfel der Lausnitzer Heide. An der Glauschnitzer Straße entdeckte man schon vor mehr als 200 Jahren reichliches Lehmvorkommen im Boden. Die Lausnitzer, die Stenzer und die Glauschnitzer Ziegelscheunen haben lange Jahre unsere Gegend mit Ziegeln versorgt. Nachträglich sind „Die Lehmgruben" teilweise mit Schutt verfüllt worden. Auch auf der anderen Seite der Glauschnitzer Straße ist noch ein Zipfel Stenzer Flur. Die Flurstücke liegen bis in die Heide hinein „im Jurrteufel", der vom Lausnitzer Dorfgraben durchflossen wird.

Dem aufmerksamen Wanderer fällt am Rand der Glauschnitzer Straße ein alter Markstein ins Auge. Es ist der Grenzstein zwischen Stenz und Laußnitz. Genau an dieser Stelle führt der „Scheibenweg" auf einem Damm zwischen dem ehemaligen „Lehmgruben" und dann über den Acker geradewegs nach Stenz. Heute ist der Weg zwar weggeackert, nach wie vor ist er aber die Flurgrenze zwischen Stenz und Laußnitz.

Rechts an diesem ehemaligen Weg - schon auf Laußnitzer Flur - ist „die Scheibe". Am Waldrand finden wir noch den Platz, wo der Scheibenweg weiterführt nach Stenz hinein. Er kreuzt den „Laußnitzer Weg", der in Laußnitz dann „Stenzer Weg" heißt.

Rechts im Wald ein Hügel, der ins Auge fällt. Von den Kindern wird er gern zum Schlittenfahren genutzt und „Elefantenberg" genannt. Der „Scheibenweg" kommt dann auf den „Stenzer Weg", der in der Umgangssprache „Hinterstraße" genannt wird.

Geradeaus führt „Menschners Gasse" zur Dorfstraße. Wir biegen rechts in die Hinterstraße ein und laufen nun geradewegs in Richtung Kirchturm. Dieses Stück ist auf einer sehr alten Flurkarte als Anfang vom Schenkweg bezeichnet und nahm seinen Anfang im ehemaligen Gasthof.
Heute endet der Stenzer Weg am Grenzweg. Dieser geht rechts den Berg hinan und biegt nach der „Schnapsbude" rechts ab. Er bildet die Flurgrenze der Gemarkung Stenz zu Königsbrück und früher im oberen Teil zu Laußnitz und mündet, nachdem er den Laußnitzer Weg gekreuzt hat - wenn auch weggeackert - an der Waldkante auf den Scheibenweg.

Das am Grenzweg auf „Meißner Lehnsflur" gelegene ehemalige „Alte Lager" ist erst vor reichlich 100 Jahren angelegt worden. Vorher hatte auch dieses Gelände die Bezeichnung „Scheibe". Vorbei am Kriegerdenkmal verlassen wir am alten Markstein wieder die Stenzer Flur.

Unsere Wanderung haben wir hiermit beendet und staunen, wieviel Wissenswertes es in heimischer Flur zu entdecken gibt. Wollen wir unsere schönen alten Flurbezeichnungen wenigstens noch der nachfolgenden Generation weitergeben. Vielleicht gibt es ja später auch Menschen, die sich darüber freuen! Denn gleich so wie jede Familie ihren guten alten Namen bis heute hat, so hat auch unsere Heimat ihre guten alten Namen - bis heute! Werner Lindner