Motorradrennen auf dem Truppenübungsplatz

Gruppenfoto 1930Königsbrück berühmt und berüchtigt zugleich. Von den zu Schieß- und anderen Übungen hierher gebrachten deutschen Landsern wurde es auch Hungerbrück genannt. Die Verpflegung soll ja auch nach Aussagen Hiergewesener wirklich nicht die beste gewesen sein. Doch wo Schatten ist, da ist auch Licht vorhanden. Einiges von den damals erschienenen Lichtes möchte ich mit meinen Berichten über die Königsbrücker Rundstrecken- bzw. Exerzierplatz-Rennen näher beleuchten.
Gruppenfoto vor der TankstelleWer kennt die Orte, kennt die Namen, die gründent hier zusammenkamen.
1926 gründeten ein paar "Mutige" den Motorradclub "Königsbrück" und Umgebung e V. DMV. In meinen Erinnerungen stehen die Namen Oswin und Willi Förster, Alfred Hommel, Erich Janke, Alfred Wolf, Fritz Schreyer, Fritz Spöhmann, Willi Kofal, Willi Reinhard, Armin Jurisch, Willi Haufe, Rudi Steinborn, Otto Finze und und? Nur wenige sind es die sich noch erinnern werden an die Vorreiter des heutigen Motorradrennsport in Deutschland. Ein großes Plus konnten unsere Motorradrennpioniere verbuchen. Die örtliche Obrigkeit an der Spitze, Herr Bürgermeister Leßmann, Königsbrück, im Verein mit Herrn Bürgermeister Winkler, Schwepnitz, dem Truppenübungsplatzkommandanten Herrn Oberstleutnant Rühle von Lilienstern, Herrn Oberst Osterrot und Herrn Dr. Naumann zu Königsbrück waren dem Motorrennsport zugetan.
Mit deren Unterstützung wurde das erste Rennen 1927 aus der Taufe gehoben. Leider konnte ich für dieses Rennen ganz wenig in Erfahrung bringen. Es ist mir lediglich gelungen, gestützt auf die Aussage des heute über fünfundachtzigjährigen ehemaligen Rennfahrers, dem Sportsfreund Kurt Georg aus Radeburg, den Sieger in der 350-er Klasse zu ermitteln. Dazu fällt in Augenschein, daß der Sportsfreund Alfred Hommel ein Jahr später beim zweiten Exerzierplatzrennen Zweiter wurde aber mit seiner Schuttoff-Maschine bessere Zeiten fuhr als die Sieger der 500 und 750ziger Klasse.

Schon damals begann die Auseinandersetzung zwischen den DKW-Zweitraktmaschinen und dem großen Heer der sogenannten Viertakter. Aufgrund ihrer schlitzgesteuerten Kanäle am Zylinder und dem Durchlauf durch das Kurbelgehäuse bekam dem "Zweitakter" feuchtes nebliges Wetter am besten. Den Viertaktmotoren war aufgrund ihrer Ventilsteuerung trockenes Sommerwetter am angenehmsten. Beim Überhitzen der "Zweitakter" kam es dann manchmal zum sogenannten "Sauerwerden". Der Motor verlor an Leistung und so mancher Fahrer mußte frühzeitig aufgeben. Zum Einsatz kamen neben den deutschen Maschinen DKW, BMW, Wanderer, Schuttoff, NSU, OD (Ostner Dresden), Standard Victoria und ... - vorwiegend die englischen Maschinen AJS, Norton, Rudge.
Auch die Firmen Wels mit Küchenmotor oder Diamant mit dem Kühnemotor. Die Viertakter teilten sich nun wieder in Kopf- bzw. seitengesteuerte Motore, wobei die kopfgesteuerten aufgrund ihrer besseren Strömungsgeschwindigkeit im Vorteil waren.
Wichtig zu wissen, daß auch schon wassergekühlte Motore im Einsatz waren. Da ich die meisten dieser Motorräder nach Reparaturen usw. noch gefahren habe, machte ich die interresante Feststellung, daß die Proportionen Fahrwerk-Motor nicht im Verhältnis 1:1 standen.

Das heißt, der Motor, ein technisch vorauseilendes Kraftpaket, leistete weit mehr als die nur vorn etwas gefederten Fahrwerke vertrugen. Die Vorderradfederung, meist noch ungedämpft, bestand aus einer Platt- oder einer bzw. zwei Schraubenfedern. Trotzdem kam es auf den Rennpisten zu relativ wenig Unfällen. Die Einführung der Hinterradfederung (HIRAFE) erfolgte erst im Jahre 1938. Hierbei waren die deutschen Firmen BMW, DKW und Standard führend. Auf einfachen, dem damaligen Standard nach gebauten Asphalt- bzw. Pflasterstraßen vollbrachten die Motorradrennfahrer dieser Jahre wahre Kunststückchen. Ausdauer und finanzielle Belastung wurden auf sich genommen um in einem Schuppen oder einer kleinen Werkstatt die mühsam erstandenen Maschinen für die Rennen zu trimmen.

Wahre Prachtexemplare von Teilnehmerplaketten zeugen vom Engagement der Clubmitglieder die an vielen ausgeschriebenen Veranstaltungen teilnahmen. Wie zum Beispiel zur Sternfahrt - vom Rochlitzer Motorsportclub am 24. Oktober 1926 ausgerichtet, zur Zuverlässigkeitsfahrt "Rund um die sächsische Oberlausitz", zu der der Motorradclub Bautzen am 3. Oktober 1926 eingeladen hatte oder zur Sternfahrt am 21. August 1927, für der der Kreischaer Motorclub verantwortlich zeichnete, und zur Sternfahrt am 7. August 1927, hier hatte der Senftenberger Motorsportclub Pate gestanden. Zu diesen Fahrten wurde das Solokrad schnell einmal zum Gespann umfunktioniert. Überliefert ist, daß die Motorsportler auch oft privat Ausfahrten unternahmen die nicht immer glimpflich abgingen. In den Schlängelkurven zwischen Berbisdorf und Moritzbug landeten sechs von sieben Sportfreunden wegen nicht angemessener Geschwindigkeit auf der Wiese. Dabei gab es einen Schlüsselbeinbruch und einen angebrochenen Arm. Nachhause sind die "Lazarusse" allemal noch gefahren. Wie beim Rennen sowieso, mußte auch privat manchmal der starke "Hirsch" angeschoben werden. So manche "Sozia" (daß ist die Mitfahrerin) hat sich dabei blutige Knie geholt, nämlich dann, wenn der Hirsch ansprang und die schönangezogene mitschiebende "Sie" nicht rechtzeitig losließ. Bei der nächsten Ausfahrt war das längst wieder vergessen.

Das Rundstreckenrennen am 21. Oktober 1928 stand ganz im Banne der Deutschen Kraftradstraßenmeisterschaft. Es war gelungen, wie auch immer, fast die gesamten "Asse" an den Start zu bekommen.
Das unsere einheimischen Fahrer hierbei nicht ganz mithalten konnten war natürlich
von vornherein klar. Trotzdem gelang es Alfred Hommel, wie der Pokal beweist, mit seiner "Schüttoff" als bester Fahrer auf deutscher Maschine in der Klasse bis 350 ccm ausgezeichnet zu werden. Rennberichte der Westlausitzer Zeitung zu diesen Rennen waren leider nicht mehr aufzutreiben. Dafür aber eine ausführliche Berichterstattung einer Dresdner Zeitung.

Deckblatt des Motorradrennen 1928 Karte der rundstreckeBekannt ist, daß ein Ansturm von Zuschauern, motorisiert, mit Fahrrädern und zu Fuß, bei schönem Rennwetter die Szene beherrschte. Abgasdünste, damals Seltenheitswert, schwebten über unserer Region. Die Zuschauerzahlen bewegten sich zwischen 20 - 30000. Für den damaligen Stand des Motorrennsportes sehr respektabel. Die folgende Skizze zeigt die veränderte und gleichzeitig verbesserte Streckenführung im Vergleich zu der am 8.9.1928.
Plan 1930

Plan der RennstreckeDas nächste Königsbrücker Rundstreckenrennen, welches wiederum mit zur deutsche Motorradmeisterschaft gewertet wurde, fand am 1.6.1930 statt. Alles was Rang und Namen im deutschen Motorradrennsport hatte trat an.

Schon im Oktober 1928 wurde auf der Rundstrecke Königsbrück ein großes Rennen ausgefahren, als es galt, einen Meisterschaftslauf schnell unterzubringen und die nötigen Vorarbeiten in kürzester Zeit zu bewältigen. Auch in diesem Jahr entschied sich die Landesgruppe Sachsen des D.M.V. für die Königsbrücker Strecke, da anderen angesuchten Veranstaltungen, trotz eifrigster Bemühung, die ministerielle Genehmigung versagt blieb. Dennoch lebt auch weiterhin in den Herzen aller Motorradfreunde die Hoffnung auf Wiedererstehung der gern besuchten großen Rennen Marienberg und Grillenburg. Mag sich heute die Königsbrücker Strecke aufs beste wiederbewähren, damit die Veranstaltung ein voller sportlicher Erfolg für den deutschen Motorradsport wird. Mit größter Anerkennung sei ausgesprochen, daß sich alle Dienststellen der Militärverwaltung in Verbindung mit den Zivilbehörden auf das wohlwollendste für unsere Sportveranstaltung einsetzten. Herzlicher Dank wird dafür an dieser Stelle diesen Ämtern ausgesprochen. Der Dank soll auch den Absperr- und Sanitäts- Mannschaften, sowie allen Funktionären gelten.
Landesgruppe Freistaat Sachsen
des Deutschen Motorradfahrer-Verbandes.

Nach dem Motto "Dabeisein ist alles" traten unsere einheimischen Fahrer als Außenseiter mit an und schlugen sich tapfer. Es hieße Wasser in die Elbe tragen, den schwungvollen Stimmungsbericht der Westlausitzer Zeitung mit allen Ergebnissen ergänzen zu wollen.
Das letzte Rennen um die deutsche Clubmeisterschaft fand am 21. September 1930 statt.starter1930 Aus allen Teilen Deutschlands waren die Akteure gekommen. Die Zuschauerzahlen waren, wie aus dem Bericht der Westlausitzer Zeitung vom 22. September 1930 hervorgeht, gesunken. Die Randbemerkung "Kleine Nachlese" kann man verschieden auslegen. Trotzdem war auch dieses letzte Rennen auf dem Gelände des Königsbrücker Truppenübungsplatzes ein voller Erfolg.
Sie, die Motorsportler von damals, leisteten eine hervorragende Pionierarbeit und wir können stolz auf sie sein. Das sie sich auch auswärts unter die "Großen" mischten beweist, die Teilnahme von Alfred Hommel beim Badberg-Viereck-Rennen am 17. Mai 1928 in Hohenstein-Ernstthal dem späteren "Sachsenring".

In welchem Verhältnis stehen nun Erfinder einer Sache, Pioniere, im Verhältnis zum Einbringer in die Produktion für die Wirtschaft. Zum Beispiel der Einwand: Was haben der Herr Otto und Herr Diesel der Menschheit angetan? Was hat die heutige prekäre Situation- sprich Abgasüberbelastung mit diesen Erfindungen zu tun? Ich sage sehr wenig! Eine technisch-revolutionäre Sache zur umweltverpestenden Dreckschleuder zu machen (vor allem stückmäßig und hubraumüberdimensioniert) ist Sache der "Macher" und nicht der Erfinder und Pioniere. Fest steht, daß der Motorrennsport die Motoren- und Fahrwerktechnik voranbrachte. Viele Erfindungen und Verbesserungen kamen in der Serienproduktion zur Anwendung.
Inwieweit das heute in der Motorrennsportmarktindustrie noch der Fall ist - bleibt fraglich.