Besondere Ereignisse

Erinnerung an eine grausame Tat

Seit Februar 2002 steht auf unserem Friedhof genau an der Stelle, wo sich früher ein Grab befunden hat, ein ziemlich roher Gedenkstein.
Es ist ein heimischer Findling aus Granit, der mit groben Schlägen bearbeitet wurde.
In seine Vorderseite ist ein Sühnekreuz und die Jahreszahl 1964 eingehauen. Auch die Buchstaben P. T. und E. T. sind zu erkennen.
Schon die Sprache, die der Stein selbst spricht, lässt eine schlimme Geschichte vermuten. Und so ist es auch. Er steht auf der Grabstelle von Paul und Elsa Thomschke, den Opfern eines grausamen Doppelmordes vom November 1964.

Das, was damals passierte, ist heute nach fast 40 Jahren schon vielen nicht mehr bekannt. Und auch ich erinnerte mich erst daran, als ich bei der Durchsicht der alten schon längst verfallenen Gräberkartei auf die Randnotiz stieß: „Beide wurden ermordet". Plötzlich war das, was ich als 10jähriger schon wahrgenommen hatte, wieder da: Damals viele Tage dauerndes Gesprächsthema Nr. 1 bei Eltern und allen anderen großen Leuten.

Doch zunächst etwas über Paul und Elsa Thomschke, deren Leben damals grausam endete.
„Um es vorweg zu sagen, Paul Thomschke war ein Original" - so fängt der Mühlenbauer Hans Just an zu erzählen. Viele Jahre hat er Paul Thomschke gekannt und viel für ihn gearbeitet.
Er berichtet weiter: „Paul - Müllermeister, Landwirt und Gastronom - schon diese Zusammensetzung lässt etwas besonderes vermuten!
Er war ein ganz humorvoller und volkstümlicher Mensch, aber auch harter Geschäftsmann. Er erlebte die Monarchie und zwei Diktaturen, mit denen er immer auf Kriegsfuß war.
Er stammte aus der Schmiede in Oberlichtenau und hatte im Dorf in die obere Mühle eingeheiratet. Mühlenwerke Paul Thomschke ist heute noch am Gebäude zu lesen.
Paul sagte immer: ,Es is ne Mühlenwerche'. Er hatte drei Söhne - zwei im Krieg geblieben - die Frau stirbt. Die Mühle wird verpachtet.
Paul heiratet in die Mühle Oberrödern ein, kommt als Besitzer ins Grundbuch - später Scheidung - Frau und Töchter ziehen aus.
Paul ist im Baufieber. Modernisiert die Mühle, baut eine neue Turbine ein und baut neue Scheune. Frau Ramm, geb. Tränkner, aus Königsbrück wird seine Wirtschafterin und Lebensgefährtin.
In den 50er Jahren bewirtschaftet er das Freigut in Großdittmannsdorf, stößt es aber rechtzeitig wieder ab und entgeht so dem LPG-Zwang.
Paul handelt mit allem! Er verkauft an die damals hungernden Leute Mehl und der Tauschhandel blüht - ,ich mache alles mit Mahl' - sagt Paul in seinem Oberlichtenauer Dialekt.
Plötzlich sagt er ,heutzutage ist die Gastronomie besser als die Mühle' und kauft das verschuldete Hotel „Zum Hirsch" in Radeburg am Markt. Dort beginnt er wieder umfangreiche Bauarbeiten - Heizung, Bar, Parkett, Fremdenzimmer.
Und wieder Konflikt mit den Behörden.
Ein Unterhaltungsmusikant hatte am Klavier paar Töne vom Deutschlandlied angeschlagen. Es kam zur Verhandlung: ,Wie bitte Herr Richter - ich hab nischt gehört - ich hör nämlich schwer' - erklärte Paul unschuldig.
Er wurde nach der Höhe seiner Rente gefragt: ,Die langt grade vor de Zigarrn!'

Zu den Enteignungen in der DDR-Zeit sagte er nur: ,Das is alles gemaust, das müssn die alles ma wiedergeben!'

Einige Zeit vor dem Tod heiratet er seine Wirtschafterin Else.
Unterschrift bei allen Einladungen zu Veranstaltungen im Hirsch: Paul & Else.

... Ein Kellner ihrer Gastwirtschaft hatte sich am Abend des 5. November 1964 nach Feierabend unbemerkt einschließen lassen und Paul und Elsa Thomschke, vermutlich aus Habgier, mit dem Hammer erschlagen.
Ein unverdientes Ende - ich habe beide sehr gemocht!" - so weit Hans Just.

Ein Begriff, an den ich mich aus dieser Zeit noch erinnere - „Hammerschänke" - findet so seine grausame Erklärung.

Der Doppelmörder ist damals zum Tode verurteilt worden und wohl der letzte, der in der Zeit der DDR durch das Fallbeil hingerichtet wurde.

Möge der Stein auf unserem Friedhof ein würdiges Gedenken sein an zwei Menschen, die so unwürdig ihres Lebens beraubt wurden.

Werner Lindner